Dynamische Systeme
Differentialgleichungen – Kapitel 7
M. Ladecký, L. Pastewka
IMTEK, Universität Freiburg
Lernziele
Die Studierenden sollen…
- … das Hamilton-Prinzip der kleinsten Wirkung erläutern und die Lagrangefunktion mechanischer Systeme angeben können.
- … aus der Lagrangefunktion systematisch die Euler-Lagrange-Gleichungen für mechanische Systeme erstellen können.
- … die mechanisch-elektrische Analogie in Beziehung setzen und Entsprechungen zwischen mechanischen und elektrischen Größen angeben können.
Von der Variationsrechnung zur Dynamik
- Statt Kräfte einzeln zu identifizieren (Newton): Bewegung als Optimierungsproblem
- Die Natur wählt den Weg, der ein Funktional extremal macht
- Entwickelt von Leibniz, Maupertuis, Euler — perfektioniert von Lagrange und Hamilton
- Vorteile: funktioniert in beliebigen Koordinatensystemen, skaliert auf viele Freiheitsgrade
- Ergebnis: Bewegungsgleichungen als Differentialgleichungen
Die Lagrangefunktion
\[
L = T^* - V
\]
- \(T^*\): kinetische Koenergie, \(V\): potentielle Energie \[
T^* = \frac{1}{2}\sum_i m_i \dot{q}_i^2
\]
- \(V\) hängt von den Positionen \(q_i\) ab (Felder, elastische Elemente)
- \(q_i\): generalisierte Koordinaten — kartesische Koordinaten, Winkel, Längen, …
Generalisierte Koordinaten
| Masse an Feder |
Position \(x\) |
Auslenkung aus der Ruhelage |
| Pendel |
Winkel \(\theta\) |
Auslenkung aus der Vertikalen |
| LC-Schaltkreis |
Ladung \(Q\) |
Ladung auf dem Kondensator |
| Roboterarm |
Gelenkwinkel \(\phi_i\) |
Orientierung der Gelenke |
- Anzahl der Koordinaten = Anzahl der Freiheitsgrade
- Zwangsbedingungen sind automatisch erfüllt — keine Zwangskräfte nötig
Die Wirkung
\[
S = \int_{t_1}^{t_2} L(t, q, \dot{q}) \, \mathrm{d}t
\]
- Funktional: ordnet jeder Trajektorie im Konfigurationsraum eine Zahl zu
- Einheit: Energie × Zeit (Joule-Sekunden)
- In der Quantenmechanik definiert \(\hbar\) die fundamentale Skala der Wirkung
Das Hamilton-Prinzip
Die tatsächliche Bewegung macht die Wirkung stationär: \[
\delta S = 0
\]
- Extremum unter allen Bewegungen mit denselben Anfangs- und Endbedingungen
- Meist ein Minimum → „Prinzip der kleinsten Wirkung”
- Gilt universell: Mechanik, Felder, Flüssigkeiten, Elektrodynamik
Die Euler-Lagrange-Gleichungen
Aus \(\delta S = 0\) folgt für \(n\) generalisierte Koordinaten: \[
\frac{\partial L}{\partial q_i} - \frac{\mathrm{d}}{\mathrm{d}t}\left(\frac{\partial L}{\partial \dot{q}_i}\right) = 0, \quad i = 1, \ldots, n
\]
- System gekoppelter DGLs zweiter Ordnung für \(q_i(t)\)
- Struktur ist universell — die konkrete Lagrangefunktion bestimmt die Bewegungsgleichungen
Systematisches Vorgehen
- Generalisierte Koordinaten \(q_i\) wählen (= Freiheitsgrade)
- \(T^*\) und \(V\) in diesen Koordinaten bestimmen → \(L = T^* - V\)
- Partielle Ableitungen \(\frac{\partial L}{\partial q_i}\) und \(\frac{\partial L}{\partial \dot{q}_i}\) berechnen, letztere nach der Zeit ableiten
- In die Euler-Lagrange-Gleichungen einsetzen
→ Bewegungsgleichungen + Anfangsbedingungen = vollständige Dynamik
Die Rayleigh-Dissipationsfunktion
Reibung/Widerstand: quadratische Funktion der Geschwindigkeiten \[
\mathcal{D} = \frac{1}{2}\sum_i c_i \dot{q}_i^2
\]
Modifizierte Euler-Lagrange-Gleichungen mit Dissipation und externer Kraft: \[
\frac{\partial L}{\partial q_i} - \frac{\mathrm{d}}{\mathrm{d}t}\left(\frac{\partial L}{\partial \dot{q}_i}\right) = \frac{\partial \mathcal{D}}{\partial \dot{q}_i} - F_i^\mathrm{ext}
\]
Achtung: gilt nur für Kräfte, die linear in \(\dot{q}\) sind — Vorteil: Vorzeichen immer korrekt
Die mechanisch-elektrische Analogie
| Position \(x\) |
Ladung \(Q\) |
Zustandsgröße |
| Geschwindigkeit \(\dot{x}\) |
Strom \(I = \dot{Q}\) |
Änderungsrate |
| Masse \(m\) |
Induktivität \(L\) |
Trägheit |
| Federkonstante \(k\) |
Reziproke Kapazität \(1/C\) |
Rückstellkraft |
| Reibungskonstante \(c\) |
Widerstand \(R\) |
Dissipation |
Folgt aus der identischen Struktur der Lagrangefunktionen
Mathematische Basis der Analogie
\[
L_{\text{mech}} = \frac{1}{2}m\dot{x}^2 - \frac{1}{2}kx^2
\qquad
L_{\text{elec}} = \frac{1}{2}L\dot{Q}^2 - \frac{1}{2}\frac{Q^2}{C}
\]
Identische Form → identische Bewegungsgleichungen: \[
m\ddot{x} + kx = 0 \qquad\leftrightarrow\qquad L\ddot{Q} + \frac{Q}{C} = 0
\]
Lösungen und Einsichten lassen sich direkt zwischen den Systemen übertragen
Beispiel 1: Masse an einer Feder
\[
L(x, \dot{x}) = \frac{1}{2}m\dot{x}^2 - \frac{1}{2}kx^2
\]
Ableitungen: \(\frac{\partial L}{\partial x} = -kx\), \(\quad\frac{\mathrm{d}}{\mathrm{d}t}\left(\frac{\partial L}{\partial \dot{x}}\right) = m\ddot{x}\)
Euler-Lagrange-Gleichung: \[
m\ddot{x} + kx = 0
\]
Harmonische Oszillationen mit \(\omega = \sqrt{k/m}\)
Beispiel 1: Gedämpfter Oszillator
Dissipationsfunktion \(\mathcal{D} = \frac{1}{2}c\dot{x}^2\), also \(\frac{\partial \mathcal{D}}{\partial \dot{x}} = c\dot{x}\): \[
m\ddot{x} + c\dot{x} + kx = 0
\]
Als System erster Ordnung (\(y_1 = x\), \(y_2 = \dot{x}\)): \[
\begin{aligned}
\dot{y}_1 &= y_2 \\
\dot{y}_2 &= -\frac{k}{m}y_1 - \frac{c}{m}y_2
\end{aligned}
\]
Beispiel 2: RLC-Schaltkreis
Koordinate: Ladung \(Q\), Strom \(I = \dot{Q}\) \[
L(Q, \dot{Q}) = \underbrace{\frac{1}{2}L\dot{Q}^2}_{\text{magn. Energie}} - \underbrace{\frac{1}{2}\frac{Q^2}{C}}_{\text{elektr. Energie}},
\qquad
\mathcal{D} = \frac{1}{2}R\dot{Q}^2
\]
Euler-Lagrange mit Dissipation: \[
L\ddot{Q} + R\dot{Q} + \frac{Q}{C} = 0
\]
Identisch mit \(m\ddot{x} + c\dot{x} + kx = 0\) unter \(x \to Q\), \(m \to L\), \(c \to R\), \(k \to 1/C\)
Beispiel 3: Elektromechanischer Wandler
Lautsprecher, Mikrofon: mechanische + elektrische Freiheitsgrade \[
L = \frac{1}{2}m\dot{x}^2 - \frac{1}{2}kx^2 + \frac{1}{2}L\dot{Q}^2 - \frac{1}{2}\frac{Q^2}{C} - \alpha x \dot{Q}
\]
- Kopplungsterm \(-\alpha x \dot{Q}\): verbindet Position und Strom
- Dissipation aus beiden Subsystemen: \[
\mathcal{D} = \frac{1}{2}c\dot{x}^2 + \frac{1}{2}R\dot{Q}^2
\]
Beispiel 3: Gekoppelte Bewegungsgleichungen
\[
\begin{aligned}
m\ddot{x} + c\dot{x} + kx &= -\alpha\dot{Q} \\
L\ddot{Q} + R\dot{Q} + \frac{Q}{C} &= \alpha\dot{x}
\end{aligned}
\]
- Strom übt Kraft auf die Masse aus (\(-\alpha\dot{Q}\))
- Bewegung induziert Gegen-EMK im Schaltkreis (\(\alpha\dot{x}\))
- Reziproke Kopplung: \(\alpha\) tritt in beiden Gleichungen auf
- Mit \(y_1 = x\), \(y_2 = \dot{x}\), \(y_3 = Q\), \(y_4 = \dot{Q}\): System von vier DGLs 1. Ordnung
Zusammenfassung
- Hamilton-Prinzip: tatsächliche Bewegung macht die Wirkung \(S = \int L \, \mathrm{d}t\) stationär (\(\delta S = 0\))
- Lagrangefunktion \(L = T^* - V\) → Euler-Lagrange-Gleichungen liefern die Bewegungsgleichungen systematisch
- Rayleigh-Dissipationsfunktion \(\mathcal{D}\) erweitert den Formalismus auf gedämpfte Systeme
- Mechanisch-elektrische Analogie: \(m \leftrightarrow L\), \(c \leftrightarrow R\), \(k \leftrightarrow 1/C\) — identische Mathematik
- Methode skaliert auf gekoppelte Systeme (z.B. elektromechanische Wandler) und bildet die Basis der theoretischen Physik