Fourier-Methoden
Differentialgleichungen – Kapitel 9
M. Ladecký, L. Pastewka
IMTEK, Universität Freiburg
Lernziele
Die Studierenden sollen…
- … die Green’sche Funktion als Impulsantwort linearer Systeme erläutern und deren Bedeutung erklären können.
- … die Übertragungsfunktion aus den Koeffizienten einer Differentialgleichung berechnen können.
- … lineare Differentialgleichungen mit Fourier-Methoden durch Transformation, algebraische Lösung und Rücktransformation lösen können.
Die Strategie der Fourier-Methoden
- Die Fourier-Transformation verwandelt Ableitungen in algebraische Ausdrücke:
\[
\mathcal{F}\left[\frac{d^n f}{dx^n}\right](k) = (ik)^n \hat{f}(k)
\]
- DGL im Ortsraum → algebraische Gleichung im Fourier-Raum
- Lösungsschema:
- Transformation der DGL in den Fourier-Raum
- Algebraische Lösung nach der transformierten Funktion
- Rücktransformation in den Ortsraum
Lineare zeitinvariante Systeme
- Linear: Superpositionsprinzip gilt – ist \(f_1\) Antwort auf \(u_1\) und \(f_2\) Antwort auf \(u_2\), dann ist \(\alpha f_1 + \beta f_2\) die Antwort auf \(\alpha u_1 + \beta u_2\)
- Zeitinvariant: Verschiebung der Anregung verschiebt nur die Antwort – \(f(t-\tau)\) ist Antwort auf \(u(t-\tau)\)
- Lineare zeitinvariante Systeme sind durch ihre Impulsantwort vollständig charakterisiert
- Eine einzige Funktion genügt, um die Antwort auf beliebige Anregungen zu berechnen
Die Green’sche Funktion
- \(G(t)\) = Impulsantwort: Reaktion auf Dirac-Impuls \(\delta(t)\)
\[
a_n \frac{d^n G}{dt^n} + a_{n-1} \frac{d^{n-1} G}{dt^{n-1}} + \cdots + a_0 G = \delta(t)
\]
- Lösung für beliebige Anregung \(f(t)\) durch Faltung:
\[
x(t) = \int_{-\infty}^{\infty} G(t-t')\, f(t') \, dt' = (G * f)(t)
\]
- \(G(t-t')\) gewichtet, wie stark eine Anregung bei \(t'\) noch bei \(t\) nachwirkt
- Einmal bestimmt → Lösung für jede rechte Seite per Faltung
Die Übertragungsfunktion
- Fourier-Transformierte der Green’schen Funktion:
\[
H(\omega) = \mathcal{F}[G](\omega) = \int_{-\infty}^{\infty} G(t)\, e^{-i\omega t} \, dt
\]
- Aus den Koeffizienten der DGL: jede \(n\)-te Ableitung durch \((i\omega)^n\) ersetzen
\[
H(\omega) = \frac{1}{a_n(i\omega)^n + a_{n-1}(i\omega)^{n-1} + \cdots + a_1(i\omega) + a_0}
\]
- Rationale Funktion; Nenner = charakteristisches Polynom mit \(\lambda \to i\omega\)
Lösung im Fourier-Raum
- Die Lösung reduziert sich auf eine Multiplikation:
\[
\hat{x}(\omega) = H(\omega) \cdot \hat{f}(\omega)
\]
- Jede Frequenzkomponente wird unabhängig behandelt
- Praktische Strategie in vier Schritten:
- \(H(\omega)\) aus den Koeffizienten der DGL bestimmen
- Fourier-Transformierte \(\hat{f}(\omega)\) der Anregung berechnen
- Multiplizieren: \(\hat{x}(\omega) = H(\omega) \cdot \hat{f}(\omega)\)
- Rücktransformation: \(x(t) = \mathcal{F}^{-1}[\hat{x}](t)\)
- \(H(\omega)\) wirkt als frequenzabhängiger Filter: große \(|H(\omega)|\) → starke Übertragung
Antwort auf harmonische Anregung
- Anregung \(f(t) = f_0 \cos(\omega t)\): nach Einschwingen stationäre harmonische Lösung
\[
x(t) = \text{Re}\{x_0 e^{i\omega t}\}, \qquad \frac{x_0}{f_0} = H(\omega)
\]
- \(|x_0| = |H(\omega)| \cdot |f_0|\): Amplitude der Antwort
- \(\phi = \arg H(\omega)\): Phasenverschiebung zwischen Anregung und Antwort
- Eine komplexe Zahl fasst Verstärkung und Phase zusammen
Resonanz
- Resonanz: \(|H(\omega)|\) erreicht ein Maximum, System reagiert besonders empfindlich
- Gedämpfter Oszillator (\(\omega_0\), Dämpfung \(\gamma\)) – Amplitudenresonanz:
\[
\omega_{\text{max}} = \sqrt{\omega_0^2 - 2\gamma^2}
\]
- Leistungsresonanz exakt bei \(\omega = \omega_0\), unabhängig von der Dämpfung:
\[
\overline{P} = \frac{1}{2} |f_0|^2\, \omega \cdot \text{Im}\{H(\omega)\}
\]
- Mathematische Ursache: Pole der Übertragungsfunktion bei \(\omega = -i\gamma \pm \sqrt{\omega_0^2 - \gamma^2}\) – Nähe der reellen Frequenz zu einem Pol → Resonanz
Faltungstheorem für die DFT
- Zirkuläre Faltung zweier Folgen:
\[
(f \circledast g)_n = \sum_{m=0}^{N-1} f_m \cdot g_{(n-m) \bmod N}
\]
- DFT der Faltung = punktweises Produkt der DFTs:
\[
\widehat{(f \circledast g)}_k = \hat{f}_k \cdot \hat{g}_k
\]
- Schnelle Faltung in \(O(N \log N)\): FFT von \(f\) und \(g\) → punktweise multiplizieren → inverse FFT
- Extensiv genutzt in Signal- und Bildverarbeitung
Beispiel: Gedämpfter harmonischer Oszillator
\[
m\frac{d^2x}{dt^2} + \beta\frac{dx}{dt} + kx = f(t)
\]
- Mit \(\gamma = \beta/(2m)\) und \(\omega_0 = \sqrt{k/m}\):
\[
\frac{d^2 x}{dt^2} + 2\gamma\frac{dx}{dt} + \omega_0^2 x = \frac{f(t)}{m}
\]
- Übertragungsfunktion und Amplitudenverstärkung:
\[
H(\omega) = \frac{1/m}{(\omega_0^2 - \omega^2) + 2i\gamma\omega}, \qquad
|H(\omega)| = \frac{1/m}{\sqrt{(\omega_0^2 - \omega^2)^2 + 4\gamma^2\omega^2}}
\]
Beispiel: Amplituden- und Phasengang
Maximum bei \(\omega_0\); Phase durchläuft dort \(-90°\), bei hohen Frequenzen gegenphasige Antwort (\(-180°\)).
Beispiel: Green’sche Funktion (Impulsantwort)
- Für schwache Dämpfung (\(\gamma < \omega_0\)), mit \(\omega_\mathrm{r} = \sqrt{\omega_0^2 - \gamma^2}\):
\[
G(t) = \frac{1}{m\omega_\mathrm{r}}\, e^{-\gamma t} \sin(\omega_\mathrm{r} t) \cdot \Theta(t)
\]
Gedämpfte Schwingung: Oszillation mit \(\omega_\mathrm{r}\), Einhüllende fällt mit Zeitkonstante \(1/\gamma\).
Beispiel: Resonanzkurven
Kleine Dämpfung → scharfe Resonanzspitze; maximale Verstärkung \(|H(\omega_0)| \approx 1/(2m\gamma\omega_0)\) ist umgekehrt proportional zur Dämpfung.
Zusammenfassung
- Fourier-Methoden machen aus DGLs algebraische Gleichungen: Ableitungen → Multiplikationen mit \((i\omega)^n\)
- Die Green’sche Funktion ist die Impulsantwort; Lösung für beliebige Anregung durch Faltung \(x = G * f\)
- Die Übertragungsfunktion \(H(\omega) = \mathcal{F}[G]\) charakterisiert das System: \(\hat{x}(\omega) = H(\omega)\,\hat{f}(\omega)\) – Verstärkung und Phase in einer komplexen Zahl
- Resonanz, wenn die Anregungsfrequenz nahe an einem Pol von \(H\) liegt
- Die FFT (\(O(N \log N)\)) macht Fourier-Methoden numerisch praktikabel